Gastbeitrag von Philipp Albers - Die fünf Dimensionen der Digitalisierung

Die Rede von der “Digitalisierung” hat Konjunktur. Allenthalben werden in der Politik “Digitale Agenden” entworfen, entwickeln Unternehmen “Digitalstrategien”, ist in den Feuilletons und Talkshows von der “Digitalen Gesellschaft” die Rede. Dabei begleiten uns die mit dem Schlagwort der Digitalisierung gemeinten Phänomene schon deutlich länger: Doch wer redet heute noch von Web 2.0, Cyberspace, Informationsgesellschaft oder Kybernetisierung? Jede Zeit hat ihre Trendbegriffe. Heute also Digitalisierung.

Beim Wort genommen bedeutet Digitalisierung das Speichern, Übertragen und Berechnen von Informationen in digitaler Form, also im Binärcode von 0 und 1. Mathematik und Informationstheorie, Programmcodes und Algorithmen, mit Glasfaserkabeln oder per Mobilfunk zusammengeschaltete Computernetzwerke sind die technologische Basis all dessen, was wir mit Digitalisierung bezeichnen. Doch auch wenn die zugrundeliegenden Prinzipien schon länger bekannt sind, die Wucht des digitalen Wandels zeichnet sich erst langsam ab. Er hat dank dem exponentiellen Wachstum der Rechen- und Speicherkapazitäten den Take-off erreicht, an dem die Auswirkungen auf alle Felder des gesellschaftlichen Lebens sichtbar werden. Die gesamte Infrastruktur von Energieversorgung, Verkehr, Industrie, Finanzwirtschaft und Kommunikation ist in weiten Teilen “digitalisiert”, also in ihrer Steuerung und Organisation von digitalen Technologien abhängig. Und auch im alltäglichen, persönlichen Leben der Bürger dringen digitale Technologien in immer mehr Bereiche vor. Wir gehen nicht mehr online, sondern sind always connected.

Bislang wurden vorwiegend die technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekte dieses Wandels diskutiert. Die Digitalisierung aber bringt eigene Logiken mit sich, sie verändert das Verhalten der Menschen und ihren Umgang miteinander, aus ihr entstehen ganz neue soziale Praxen, Alltagsgewohnheiten und Kulturtechniken. Fünf Entwicklungen sind aus unserer Sicht prägend für diesen digitalen Wandel:

 

Vernetzung

Die Vernetzung tritt am deutlichsten in der Veränderung des alltäglichen Austauschs hervor. Das Internet enthierarchisiert Kommunikation hin zu offenen Netzwerkstrukturen, die neue Möglichkeiten der Interaktivität, Partizipation, der Demokratisierung und des Dialogs entfalten können. Sie führt aber auch zur Zersplitterung in Teil- und Mikroöffentlichkeiten, zu Echokammern und Filterblasen. Soziale Netzwerke bieten Platz für Austausch, Gemeinschaft und Diskussion, aber auch für Desinformation und Verunglimpfung. Die mit der Vernetzung verbundenen Möglichkeiten haben auch zu neuen Formen des Wissenserwerbs geführt und neue Wege informeller und nonformaler Bildung eröffnet. Die Online‐Enzyklopädie Wikipedia ist nur das bekannteste Beispiel offener, transparenter und kollaborativer Wissenssammlung.

 

Virtualisierung

Reale Dinge und Zusammenhänge können virtuell nachgebildet werden. Kulturelle Güter wie Filme, Musik, oder Bücher brauchen kein spezifisches physisches Trägermedium mehr, sondern stehen uns über die Interfaces unserer Laptops, Tablets und Smartphones überall zur Verfügung. Mit Google Maps, Streetview und Google Earth lassen sich ferne Gegenden virtuell erkunden. Virtual Reality-Techniken wie VR-Brillen werden diese Möglichkeiten erheblich erweitern. Soziale Beziehungen werden in sozialen Netzwerken und Onlinespielen virtualisiert. Wir kaufen im Netz ein, erzeugen, konsumieren und teilen kulturelle Güter, pflegen Freundschaften, gehen auf Partnersuche und konstruieren und kultivieren auf sozialen Plattformen ein digitales Abbild unser Selbst. Das verändert Arbeits- und Lebensmodelle, familiäre und zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch unser Bild von uns selbst. Feste Strukturen lösen sich auf, wir werden unabhängiger von Ort und Zeit. Daraus entstehen Freiräume, aber auch neue Unsicherheiten, Stress und Abhängigkeiten.

 

Offenheit

Die Offenheit des Netzes ergibt sich aus seiner technologisch offenen Architektur und den interaktiven Kommunikationsstrukturen. Durch Öffnung des Zugangs zu Daten und deren Verarbeitung stehen Nutzern immer mehr Informationen zur Verfügung, die allerdings in ihrer Masse kaum zu bewältigen sind. Daher bedarf es auch der Vermittlung von Kompetenzen zu ihrer sinnvollen Nutzung. Mit einer Neuverteilung des Zugangs zu Wissen gehen Bildungschancen ebenso einher wie Überforderung durch die Gleichzeitigkeit von Transparenz, Verwirrung und gezielter Manipulation. Auch besteht die Gefahr der Konzentration durch kommerzielle oder staatliche Akteure mit möglichen negativen Folgen für die Demokratie, sowie die Entwicklung in sich geschlossener digitaler „Ökosysteme“ einiger weniger Konzerne, und damit eine Entwicklung weg von offenen Standards und Strukturen. Durch die Offenheit der digitalen Kommunikation verändert sich schließlich das Verständnis von Privatsphäre. Die Bereitschaft, persönliche Daten mit anderen zu teilen, steigt, während gleichzeitig die Verunsicherung wächst bei der Frage, was mit den eigenen Daten geschieht.

 

Automatisierung

Die Automatisierung von Produktionsprozessen und Arbeitsabläufen begleitet den industriellen Fortschritt von Anfang an. Mit der Digitalisierung erreicht sie jedoch eine neue Qualität. Zum einen ermöglicht sie vollständig automatisierte Fertigungsabläufe, zum anderen dehnt sie sich auf weitere Glieder der Wertschöpfungskette aus, etwa in der Logistik. Nicht zuletzt macht sie mit intelligenten Algorithmen zunehmend auch auf der Ebene kognitiver Prozesse dem Menschen Konkurrenz und ersetzt auf Routinen basierende Jobs in Management und Wissensarbeit. Die digitale Steuerung ganzer Produktions‐ und Dienstleistungsprozesse bietet eine Entlastung, bedeutet stellenweise jedoch auch eine Einschränkung individueller Entscheidungsspielräume und eine Entwertung von persönlichem Erfahrungswissen, Intuition, Vorlieben und Spontanität. Die Automatisierung ergreift zunehmend auch das alltägliche Leben, von der selbsttätigen Steuerung in “Smart Homes” bis zur Social Robotik in Form von virtuellen Assistenzsystemen oder in der Pflege alter und junger Menschen. Künstliche Intelligenz, selbstoptimierende Algorithmen und Big Data eröffnen neue Potenziale, beispielsweise für die Verbrechens- oder Krankheitsbekämpfung, aber auch Missbrauch, etwa von Kundendaten oder durch Überwachung. Je mehr Autonomie intelligente Systeme erlangen und je mehr Entscheidungen an sie delegiert werden, desto dringlicher werden angemessene rechtliche und ethische Regelungen.

 

Beschleunigung

Das Netz läuft praktisch in Echtzeit, Verzögerungen der Informationsübertragung und Datenverarbeitung sind kaum mehr wahrzunehmen. Das bedeutet unmittelbare, instantane Kommunikation überall und jederzeit. Doch nicht alle machen von den Möglichkeiten vernetzter Kommunikation Gebrauch oder können sie in gleicher Weise für sich nutzen. ”Die Zukunft ist schon da, sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt,” so US-Autor William Gibson bereits 1992. Zusammengenommen befördern diese Entwicklungen jedoch eine Grunderfahrung unserer Zeit: das Gefühl einer technischen und sozialen Beschleunigung und damit verbundener (Un-)Gleichzeitigkeiten. Die Art und Weise, wie wir uns informieren, untereinander kommunizieren und interagieren, verändert sich im Zuge dessen rasant und macht es nahezu unmöglich, vom Status quo gezielt auf die Zukunft zu schließen. All diesen Entwicklungen ist gemein, dass sie auf eine Dynamisierung unseres gesamten Lebens hinauslaufen. Damit einher geht das Versprechen auf Effizienz und neue Freiräume. Andererseits verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und privatem Leben, schwinden Planbarkeit und Stabilität. Das Lebensgefühl vieler Menschen ist geprägt von Stress und Zeitdruck. Gleichzeitig scheint die Halbwertszeit unseres Wissens in einer Welt beschleunigten technologischen, ökonomischen und sozialen Wandels stetig zu sinken.

Was steht als Fazit? Sicher dieses: Die Digitalisierung ist eine soziale und kulturelle Innovationsmaschine, die ständig Neues – und damit auch Verluste und gesellschaftliche Herausforderungen – hervorbringt. Und dieser Wandlungsprozess wird sich weiter verstärken und beschleunigen, auch wenn der Trendbegriff Digitalisierung in näherer oder fernerer Zukunft wieder aus der Mode gekommen sein wird.

 

Philipp Albers ist Mitgründer und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA) in Berlin und außerdem als freier Journalist und Autor tätig. Zusammen mit Holm Friebe veröffentlichte er die Bücher „Was Sie schon immer über 6 wissen wollten“ (2011) und „MIMIKRY – Das Spiel des Lesens“ (2016). Gemeinsam mit den Kolleg*innen von IFOK hat ZIA den Prozess lebensbildung.digital beratend begleitet.